Anna Palipnova

Anna Palipnova hatte langes, weißblondes Haar. Als ich Anna Palipnova zum ersten Mal sah, musste ich an Schneewittchen denken, auch wenn man vielleicht meint, Schneewittchen habe dunkles Haar. Ich dachte an Schneewittchen und an die böse Königin zugleich, Anna Palipnova hatte ein Gesicht, das wie geschnitzt aussah und große, ernste Augen darin. Wenn sie das Haar zusammenband, sah man ihren Haaransatz, der herzförmig war. Anna Palipnovas Lippen waren immer rot geschminkt und durch eine scharfe Trennlinie von der umliegenden Haut abgegrenzt. Meine Lippenkonturen verschwammen. Nur wenn Estanja mich schminkte und eine Menge hautfarbigen Abdeckstift um meine Lippen strich, traten die Konturen deutlich hervor. (...)

Aus: Ausgekippt im All, Edition Thaleia, 2013.

Einziehen

Am Anfang standen nur Tulpen in der Wohnung. Ich hatte sie auf dem Feld gepflückt, die violetten standen auf dem Balkon, die weißen im Wohnzimmer. Ich setzte mich auf den neuen Boden, ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen und schaute die Tulpen an. Als das weiße Sofa kam, blieb es für eine Weile das einzige Möbelstück im ganzen Zimmer. (...) →weiterlesen

Aus: Ausgekippt im All, Edition Thaleia, 2013.

 

Die Bademeisterin

(...) Warum trägst du eine Feder im Hut, fragt ein winziges Kind Hanna, ob das nicht gefährlich sei, wegen der Vogelgrippe. Kommst du nicht ins Wasser, fragt es, du brauchst doch auch eine Erfrischung, und zupft an den Bändeln seiner rosa Badehose. Plötzlich springt es ins Wasser, taucht am Beckenrand auf und benetzt Hannas Füße mit seinen kühlen Händen. Hanna schaut auf ihre Füße und fragt sich, wann sie so gewachsen sind. Ihre Zehen sind rot und rau. Sie denkt an den Fuß ihrer Mutter, den sie früher in die Luft ragend vor Augen hatte, wenn sie zwischen ihren Beinen saß: beim Spielen im Wasser, beim Spielen im Sand. Und Hanna sieht, dass auch ihr großer Zeh krumm ist. Das ist der Mutterfuß. (...)

Aus: Ausgekippt im All, Edition Thaleia, 2013.